Startseite Stationsbeschreibung Antennenbeschreibung Software für AFU DC4FS privat Links zu AFU-Seiten Gruß von Thomas Reiter (DP0MIR) von der Raumstation MIR zur Clubstation DF0WT in Wittmund DC4FS at QRZ.COM
 Thomas Reiter (DP0MIR / DF4TR)

 

Zwischen Gänsehaut und knochenharter Arbeit
Euromir 95

Kosmonaut Thomas Reiter zeigte faszinierende Bilder der MIR-Mission

Erste Frage nach der Rückkehr aus dem All: ,,Wie war's denn?"

 

Wittmund. Günther Mildenberger (DL4BX), Lehrer an der KGS Wittmund, wartete rund 20 Minuten auf dem Parkplatz, um Thomas Reiter vor seinem Auftritt in der Aula abzufangen. Gemeinsam mit dem Kosmonauten wollte er noch schnell die Funkstation der Schule besichtigen - jenen Ort, wo am 22. Januar 1996 zehn Schüler der KGS Wittmund Funkkontakt zur russischen Raumstation MIR herstellten. Ihr damaliger Gesprächspartner: Thomas Reiter.

Aus dem Besuch in der Funkbude wurde leider nichts - Reiter nutzte die Minuten vor Beginn des Vortrages lieber, um sich im Auto noch einmal vorzubereiten. Mildenberger befürchtete schon, der Protagonist des Abends würde sich rar machen und schnell wieder verschwinden - doch weit gefehlt: Mehr als zwei Stunden lang berichtete der Kosmonaut von seinem 179-tägigen Ausflug ins All.


Leuchtende Augen bei den Zuhörern

Wo ist die MIR ?Mehr als 100 Kinder, Jugendliche und Erwachsene bekamen leuchtende Augen, als Reiter eine ganze Reihe faszinierender Dias an die Wand warf und dazu die Geschichte seiner Mission im Weltraum erzählte.

,,Wie war's denn?", lautete die erste Frage, als Reiter gemeinsam mit seinen beiden russischen Kollegen wieder auf die Erde zurückkehrte und in der kasachischen Wüste versuchte, sich wieder an die Schwerkraft zu gewöhnen. Eine Frage, die Reiter versuchte, den Besuchern in der Aula innerhalb von zwei Stunden zu beantworten.

Er berichtete von der zweieinhalbjährigen Vorbereitungszeit in Russland. ,,Am schlimmsten war für mich das Erlernen der russischen Sprache", sagte Reiter, der daneben ein intensives körperliches und technisches Training über sich ergehen lassen musste und zusätzlich ausgiebig auf die 40 Experimente vorbereitet wurde, die er zusammen mit seinen Kollegen im All durchzuführen hatte.

,,Wie war's denn?" diese Frage hat offensichtlich viele Antworten verdient. Einerseits schilderte Reiter seinen Eindruck vom überwältigen Eindruck aus 400 Kilometern auf die Erde, wobei ein Blick reicht, um ganz Europa in Augenschein zu nehmen, wobei aber auch beispielsweise die riesigen Schneisen abgeholzter Regenwälder zu erkennen sind. Andererseits unterstrich der Kosmonaut anhand interessanter Zahlen die technische Leistung. eines Weltraumbesuches. In nur 90 Minuten ist eine Erdumrundung perfekt - insgesamt legte er mit 27.000 Stundenkilometern 121 Millionen Kilometer zurück. Tag für Tag 16 Sonnenauf- und Untergänge - und dazu das Leben auf engstem Raum.
Thomas Reiter

Bilder aus der MIR: Thomas Reiter hatte einige davon mitgebracht. Auch sie sind Teil der Antwort auf die Frage, wie es denn war. Eng bemessen ist der Platz, der den Kosmonauten für Arbeit, Schlaf und Freizeit - die allerdings ist rar - zur Verfügung steht.

Der Tag an Bord der MIR ist fast minutiös verplant und wird von der Arbeit an Experimenten, von der Wartung und Instandhaltung der Raumstation sowie vom normalen Alltag bestimmt. Zweimal täglich müssen die Kosmonauten beispielsweise ein intensives Fitness-Training auf Laufbändern absolvieren, um der Muskelrückbildung entgegenzuwirken, die sich aus der Schwerelosigkeit ergibt. ,,Man braucht seine Muskeln fast gar nicht", sagte Reiter.

Er riss aber auch jene Fragen an, die ihm immer wieder gestellt werden. Nie habe er besser geschlafen als in der MIR. Und wie die Kosmonauten ihre kleinen und großen Geschäfte erledigen - auch das erklärte er dem lauschenden Publikum. Tja, und was passiert mit dem Müll? Ganz einfach: Alle drei Monate kommt ein so genannter, unbemannter Progress-Transporter mit Nachschub für die Besatzung. Das entleerte Modul wird mit dem Müll der Station in Richtung Erde zurückgeschickt - um wenig später beim Eintritt in die Erdatmosphäre vollständig zu verglühen.

"Beim Betreten der Rakete am Abflugtag musste ich an meine Kindheit denken als ich langer aufbleiben durfte, um die Mondlandung zu verfolgen", berichtete Reiter von seinen Eindrucken. In der kleinen Kapsel habe es ausgesehen wie in einem sterilen OP - und beim letzten Blick zurück hatte er schließlich eine Gänsehaut auf dem Rücken. Auch oben im All sei er immer wieder in Situationen gekommen, wo er sich kneifen musste um zu begreifen, dass es kein Traum war.
Mir mit Shuttle

Das galt vor allem am 20. Oktober 1995, als Reiter für fünf Stunden die MIR verließ, um außen ein astrophysikalisches Experiment durchzuführen. ,,Das ist aber bestimmt kein Spaziergang, sondern knochenharte Arbeit", schilderte er, wie er allein anderthalb Stunden in der engen Schleuse verbrachte, ehe sich die Luke nach außen öffnete.

Neben technischen Informationen und wissenschaftlichen Aspekten hatte Reiter auch viele menschliche Eindrücke dieser Mission zu bieten. Er berichtete vom dreitägigen Besuch einer amerikanischen Atlantis-Besatzung, von der E-Gitarre, die die Amerikaner als Gastgeschenk mitgebracht hatten, und von dem Amerikaner, der nach seinem Besuch in der MIR nicht den Weg zurück zur Atlantis fand und fragte: ,,Wo bitte geht's denn hier zum Shuttle?"

Die Mission im All - ,,das ist keine Einzelleistung, sondern die eines großen Teams." Und die neue Perspektive habe ihm für viele Probleme der Erde auf neue Art die Augen geöffnet.


179 Tage ohne Dusche

179 Tage im All - ohne Dusche, in der Schwerelosigkeit, fernab von der Familie, eingebunden in ein internationales Projekt mit enormer Tragweite und immer wieder auch in der Rolle einer Testperson bei medizinischen Experimenten. Thomas Reiter berichtete faszinierend und wirkte trotz des mittlerweile großen zeitlichen Abstands selbst immer noch fasziniert. Ganz so wie die Kinder, die ihm geduldig zuhörten und sich als Lohn am. Ende des Vortrag ein Autogramm abholten.

Nach den zwei Stunden in der Aula dürfte Reiter ein ähnliches Gefühl gehabt haben wie damals nach der Rückkehr in Kasachstan, als ihn jemand fragte, wie's denn war. Reiter: ,,Nach der Landung war es herrlich, endlich wieder frische Luft einzuatmen."


Von Guido Menker aus dem Anzeiger für das Harlingerland

Module der Mir

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